Simon Füllekruss, University of Freiburg
Da sich die Vorlesungszeit des ersten Semesters langsam seinem Ende entgegen neigt, ist die Zeit für ein kurzes Zwischenfazit günstig. Wie nicht anders erwartet war die Anfangsphase des Semesters enorm chaotisch - mehrfach veränderten sich die Termine der einzelnen Kurse, Seminarsitzungen wurden verschoben oder fanden gar nicht erst statt. Verkomplizierende Abkürzungen für die Bezeichnungen der Kurse auf den Stundenplänen der verschiedenen Jahrgänge trugen ihren Teil zur zunehmenden Konfusion unter den Austauschstudenten bei. Augenscheinlich fiel es einigen von uns recht schwer, sich dem karibischen Rhythmus anzupassen, der wie selbstverständlich auch vor der Universität nicht Halt macht und sich in seiner eigenen speziellen Auffassung von Organisation, Pünktlichkeit etc. niederschlägt. Hat man zuvor jedoch andere aussereuropäische Kulturen kennenlernen können und ist sich von Beginn an im Klaren darüber, dass sich aus der Heimat mitgebrachte Gewohnheiten aus dem Studentenleben nicht auf die Realität vor Ort übertragen lassen, so erleichtert man sich selbst den Einstieg immens. Denn: handhabt man das Chaos mit derselben Gelassenheit und Ruhe wie einheimische Studierende, erspart man sich so manchen Ärger oder Enttäuschung und kann wie etwa durch die Erkundung der Insel durchaus eine sinnvolle und zugleich wohltuende Eingewöhnungsphase verbringen.
Sehr zugute kam uns vor allem in der Anfangsphase die grosse Hilfsbereitschaft von Hartmut Ziche, der uns auf einer sehr persönlichen Ebene willkommen hiess, ja manch einen selbst vom Flughafen abholte, bei der Wohnungssuche half oder zu einem Kennenlern-Essen einlud. Auch das Personal des "International Office" ist stets bemüht, den anfallenden Papierkram freundlich und rasch zu erledigen. Die Betreuung ist aufgrund der doch sehr überschaubaren Anzahl von Austauschstudenten sehr persönlich und daher äusserst positiv. Ist man die allgemeine Anonymität an deutschen Unis gewohnt, so kann diese Tatsache jedoch auch abschreckend wirken, da es dem ganzen Prozess eine schulische Note beimisst - sowieso ein Punkt, der weiter unten noch Erwähnung finden soll.
Kommt man aus regionalem Interesse an Geschichte und Kultur nach Martinique, so wird man inhaltlich kaum enttäuscht werden zwecks des umfassenden Angebots. Es existiert gar ein eigener Licence-Studiengang (LCR - Langues et cultures régionales. Mention créole.), der sich ausnahmslos mit der Geschichte der Antillen von ihrer frühesten Besiedlung über die Verhältnisse in den Habitationen während der Epoche der Sklaverei sowie deren Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft Martiniques beschäftigt. Angebote aus der Geschichte, wie etwa des hervorragende Seminar von Benoit Berard zur Archäologie und Frühgeschichte der Antillen bis hin zur Kontaktsituation mit den Europäern ergänzen ein regionalspezifisches Studium und bieten mehr als genügend Anreize, selbst im alltäglichen Leben auf Martinique nach Spuren der Geschichte zu suchen. Das ist auch aus meiner Sicht das eigentlich lohnenswerte und besondere an diesem Erasmusjahr: zu sehen und zu spüren, wie präsent die tragische Vergangenheit der Versklavung auch heute noch ist; zugleich die kreativen Elemente zu erkennen, die durch das zweihundertjährige Zusammenleben verschleppter Afrikaner in den Habitationen eine neue, kreolisierte Gesellschaft entstehen liessen. Die hierzu angebotenen Veranstaltungen sind enorm hilfreich, um Anreize zum Weiterdenken zu erhalten sowie das nötige Hintergrundwissen zu sammeln.
Man sollte es sich zudem nicht entgehen lassen, bei Jean Bernabé, dem wohl renommiertesten zeitgenössischen Schriftsteller der frankophonen Karibik ein literaturwissenschaftliches Seminar zu besuchen, um sich mit der künstlerischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und bleibender gesellschaftlicher Ungleichheiten zu beschäftigen. Man hat, bei genauerer Betrachtung, den Eindruck, ganz nah am knatternden Motor einer sich manifestierenden kreolischen Selbstdefinierung zu sein, die sich etwa durch einen eigenen Studiengang, zunehmender Literatur auf créole oder Unterricht an Schulen zur kreolischer Sprache Eingang in die Gesellschaft verschafft.
Als problematisch erweist sich jedoch fix die befremdende und wenig akademisch anmutenden Auffassung von "studieren", was sicherlich mit dem französischen Hochschulwesen und dessen didaktischen und strukturellen Idealen innerhalb der universitären Diskursbildung generell zusammenhängt. Diskussion im Seminar ist faktisch nicht vorhanden, angemessener als Seminar wäre überhaupt die Bezeichnung Unterricht, denn nicht wenig erinnert einen zu kritischem Hinterfragen wohltrainierten Magisterstudenten an seine Oberstufenzeit im dörflichen Gymnasium. Keine Seltenheit sind nicht enden wollende Diktate in die Schulhefte der "Studierenden", die gut erzogen Wort für Wort notieren und Überschriften farbig und mit Lineal unterstreichen.
Da wundert es kaum, dass man bei der Behauptung, nicht wegen der "Credits" zu studieren, kritische Blicke erntet. Der Besuch von Seminaren - vielmehr noch: Der Sinn und Zweck des gesamten Auslandsaufenthalts - ist nicht im Geringsten mit irgendwelchen, mir befremdlich vorkommenden "Credits" verbunden, sondern dient einzig und allein einer regionalen Spezialisierung meiner universitären Ausbildung und folgt schlicht meinen persönlichen Interessen. Als völlig ungewohnt und erschreckend empfinde es daher nicht nur ich, wenn man plötzlich zur Abgabe eines Stundenplanes aufgefordert wird, um so (wie es scheint) seiner Arbeit kontrolliert zu werden.
Durch Gespräche mit einheimischen Studierenden habe ich den Eindruck gewinnen können, dass man hier eben nicht des studieren willens studiert, sprich zur Befriedigung einer eigenen Neu- und Wissbegierde sowie aus Freude am akademischen Arbeiten, sondern vielmehr um schnellstmöglich einen Abschluss zu erhalten, um wie die grosse Mehrheit einen Lehramtposten an einer der staatlichen Schule zu erhalten. Diese Ambition scheinen die meisten Dozenten zu kennen und versuchen somit nicht einmal, eine akademische Note in die Ausbildung zu bringen. Anstatt Thesen aufstellen und in Diskussionen verteidigen zu können, trifft man Studierende in der Bibliothek beim Auswendiglernen ihrer letzten Aufschriebe.
Weiss man hingegen seinen Standpunkt und seine Ambition klar herauszustellen, werden uns als Gaststudenten keinerlei Steine in den Weg gelegt; im Vergleich zu den einheimischen Studierenden haben wir eine nicht enden wollende Freiheit bezüglich der Kurswahl, weshalb ich im kommenden Semester auch die Möglichkeit wahrnehmen möchte, Kurse aus den Master-Studiengängen zu besuchen. Ist das Niveau in den Licence-Kursen meist enttäuschend niedrig, so habe ich jedoch die Befürchtung, dass es in den Master-Kursen sprachlich recht schwierig werden könnte. Aus meiner Sicht ist diese Dichotomie zwischen geringen inhaltlichen und didaktischen Anforderungen einerseits und den oft mangelnden Fremdsprachenkenntnissen der Austauschstudenten andererseits das grösste Problem an der UAG. Es fehlt eindeutig ein Sprachkurs, der Grammatik gezielt wiederholt und die Aussprache trainiert. Zwar verbessert sich das Französisch eines jeden Gaststudenten hier merklich, und es ist auch durchaus ausreichend, um den Monologen der Dozenten zu folgen, jedoch wäre ein sinnvoller Sprachkurs etwa ein bis zweimal die Woche absolut notwenig, um der Mehrheit von uns wirklich gutes Französisch in Wort und Schrift zu vermitteln.
Enttäuscht bin ich desweiteren darüber, dass es nicht für wichtig gehalten wird uns Ausländern die wirkliche Muttersprache der Martiniquais, sprich das créole, näherzubringen. Lebt man in einer fremden Gesellschaft, so sollte man auch deren alltägliche Umgangssprache beherrschen können. Ein Sprachkurs wäre also auch hier, zumindest optional, angebracht; sein Fehlen spiegelt einmal mehr die Ignoranz Frankreichs bzw. Europas gegenüber der kulturellen Eigenständigkeit der Überseedepartements und ihrer kreolischen Gesellschaften wider und ist Ausdruck eines anhaltenden kulturellen Zentralismus. Zu Beginn waren etwa gut ein Dutzend von uns an einem solchen Sprachkurs interessiert - bei rund 300 Euro Kosten für einen Volkshochschul-ähnlichen Kurs blieb am Ende jedoch kein einziger Studierender übrig, der wirklich das Geld dafür hätte berappen können.
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